Herausforderungen

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Von Michael Nickel

In herausfordernden Zeiten, wenn globale Krisen, persönliche Sorgen oder gesellschaftliche Umbrüche unseren Alltag überschatten, neigen wir dazu, uns krampfhaft um uns selbst zu drehen. Dies ist eine Gewohnheit unseres Geistes! Wir verstricken uns in Ängsten und dem verzweifelten Versuch, erst die eigenen Probleme vollständig zu lösen, bevor wir den Kopf wieder für andere frei haben. Viele Menschen bleiben dadurch Gefangene ihres eigenen Elends, weil sie eine dicke Mauer um sich bauen und sich in der Festung ihres Egos isolieren. Wer in Zeiten der Not ausschließlich um »Ich« und »Mein« kreist, folgt dem „Gesetz der Kontraktion“: Die Persönlichkeit schrumpft zusammen, der Geist verengt sich und das Gefühl von Mangel und Hilflosigkeit nimmt nur noch weiter zu (Swami Rama, 2025: Die Kunst des freudvollen Lebens, S. 8, 74; Swami Rama, 2026: Bhagavad Gītā, S. 40).

Inmitten des Sturms: Warum selbstloses Handeln der Schlüssel zur inneren Freiheit ist

Die Philosophie der Himalaya-Tradition, wie sie von Swami Rama und Pandit Rajmani Tigunait vermittelt wird, weist uns jedoch genau in diesen Momenten auf eine überraschende und tiefgreifende Wahrheit hin: Selbstloses Dienen – Seva bzw. Karma Yoga – ist kein Luxus für ruhige Zeiten, sondern das wirksamste Mittel, um den eigenen Geist zu heilen, zu reinigen und positiv aufzurichten (Pandit Rajmani Tigunait, 2021: Zur elften Stunde: Swami Rama, S. 124).

Die Weisen des Himalayas betonen, dass das fundamentale Gesetz des Lebens nicht Kontraktion, sondern Expansion ist. Das Ego gilt in den östlichen Weisheitstraditionen als die eigentliche Wurzel vieler mentaler Probleme und Unruhen. Selbstloses Handeln bricht diesen Teufelskreis hingegen gezielt auf: Es baut die Tendenz unseres Geistes ab, sich ausschließlich mit den eigenen Problemen zu beschäftigen, und reinigt den Weg der Seele. Wenn wir lernen, unsere Aufmerksamkeit von der ständigen Selbstbeschäftigung abzuziehen und Gedanken sowie Energie darauf zu verwenden, anderen zu helfen, durchbrechen wir den Strudel aus Angst, Isolation und Traurigkeit (Pandit Rajmani Tigunait, 2023: Vom Tod zum Leben, S. 114–115; Swami Rama, 2025: Die Kunst des freudvollen Lebens, S. 42; Swami Rama, 2026: Bhagavad Gītā, S. 298, 394).

Uneigennütziges Geben ist laut den Meistern der Tradition der eigentliche innere Kern der Schöpfung. Während reine gedankliche Nicht-Anhaftung oft nur eine intellektuelle Zufriedenheit bewirkt, wird erst das aktive Dienen am Mitmenschen zur verlässlichen Quelle von wahrer innerer Freude und bleibendem Frieden. Indem wir Zeit, Energie oder Mitgefühl schenken, ohne eine persönliche Gegenleistung oder Anerkennung zu erwarten, gelangen wir in Einklang mit dem göttlichen Willen und stoßen die Transformation unseres eigenen Schicksals und Karmas an. Wir verlieren durch das Geben nichts! Vielmehr öffnen wir uns dafür, tiefen inneren Reichtum zu empfangen und zu erfahren, dass wir inmitten aller Stürme des Lebens niemals hilflos sind, sondern die Kraft in uns tragen, ein Licht für unsere Mitmenschen zu sein (Pandit Rajmani Tigunait, 2023: Vom Tod zum Leben, S. 114–115; Pandit Rajmani Tigunait, 2020: Vishoka-Meditation, S. 258; Swami Rama, 2025: Die Kunst des freudvollen Lebens, S. 172; Swami Rama, 2026: Bhagavad Gītā, S. 150, 198, 236–237).

Schritte zur Umsetzung selbstlosen Handelns im Alltag

Selbstloser Dienst erfordert keine spektakulären Großprojekte – er beginnt bei den alltäglichen Pflichten und in unserem unmittelbaren Umfeld (Pandit Rajmani Tigunait, 2021: Zur elften Stunde: Swami Rama, S. 375; Swami Rama, 2025: Die Kunst des freudvollen Lebens, S. 46, 168).

Die folgenden praktischen Handlungsempfehlungen zeigen, wie Karma Yoga Schritt für Schritt im Alltag verankert werden kann:

1. Den inneren Aufruhr reduzieren und die Pflichten der Gegenwart mit Liebe annehmen

Bevor wir effektiv für andere da sein können, gilt es, den eigenen Geist zu stabilisieren, indem wir unser persönliches Niveau von Ruhe und Klarheit (Sattva) erhöhen. Ein direkter Hebel hierfür ist, unser Sprechen zu zügeln und bewusster werden zu lassen: Indem wir achtsam kommunizieren, bedeutungsloses Gerede vermeiden und den Konsum aufwühlender Medien reduzieren, schonen wir unsere mentale Energie (Pandit Rajmani Tigunait, 2019: Die Weisheit der Meister des Himalayas, S. 139).

Gleichzeitig beginnen wir bei dem, was unmittelbar vor uns liegt: Unsere Pflicht ist genau die Aufgabe, die im gegenwärtigen Augenblick vor uns liegt. Ob berufliche Verpflichtungen, häusliche Arbeiten oder die Fürsorge für Angehörige – erfülle sie mit bewusster Aufmerksamkeit und Liebe. Wenn wir unsere Aufgaben widerwillig ausführen, machen wir uns zum Sklaven der Pflicht. Wenn wir hingegen lernen, unsere Verpflichtungen zu lieben und alle Handlungen »mit Liebe zu ölen«, dann verwandeln wir sie in ein Werkzeug der inneren Befreiung und Freude (Pandit Rajmani Tigunait, 2021: Zur elften Stunde: Swami Rama, S. 375; Swami Rama, 2025: Die Kunst des freudvollen Lebens, S. 160–161, 172).

2. Den Blickwinkel klären und Erwartungen an die Früchte des Handelns loslassen

Um im Alltag nicht in Vergleiche, Wut oder Überlegenheitsgefühle zu verfallen, empfiehlt die Tradition die Klärung des Geistes (Chitta Prasadana) durch vier grundlegende Geisteshaltungen: Freundschaft gegenüber Glücklichen, Mitgefühl mit Leidenden, Freude über Tugendhafte und Gleichmut gegenüber Nicht-Rechtschaffenen. Insbesondere das kultivierte Mitgefühl für Leidende hilft uns, selbstlos zu dienen, ohne dabei das eigene Ego zu füttern oder Dankbarkeit zu erwarten (Pandit Rajmani Tigunait, 2022: Warum wir kämpfen, S. 106).

Der Kern des selbstlosen Handelns liegt darin, das Recht auf das Ausführen der Handlung wahrzunehmen, nicht jedoch auf deren Früchte oder persönliche Belohnungen zu pochen. Das ständige Schielen nach Anerkennung oder Ergebnissen bindet uns an das Handeln und ist eine Hauptursache für Enttäuschung und Angst. Führe Handlungen daher als freies Geschenk an das große Ganze – das Universum – aus, frei nach dem Grundsatz: »Geben, geben, geben, ohne etwas zu erwarten« (Pandit Rajmani Tigunait, 2021: Zur elften Stunde: Swami Rama, S. 375; Swami Rama (2025) Die Kunst des freudvollen Lebens, S. 1, 42, 173; Swami Rama, 2026: Bhagavad Gītā, S. 101, 161).

3. Den Lebensstil prüfen und kleine Gesten im nahen Umfeld schenken

Selbstloses Handeln erfordert eine ehrliche Bestandsaufnahme der eigenen Lebensführung. Dazu gehört die bewusste Frage im Alltag: Schädige ich andere Lebewesen, die Umwelt oder den Planeten, durch die Art und Weise, wie ich mein Leben führe? Wenn wir unser tägliches Wirtschaften und Konsumieren hinterfragen und die Früchte unserer Arbeit mit anderen teilen, wird unser Beruf und Alltag zu einer Quelle des Schutzes für die Schöpfung (Pandit Rajmani Tigunait, 2022: Warum wir kämpfen, S. 30).

Gleichzeitig entfaltet sich Selbstlosigkeit zuerst im alltäglichen Umfeld mit Familie, Freunden und Nachbarn. Übe dich in kleinen, rücksichtsvollen Handlungen – serviere beispielsweise deinem Partner oder Gästen zuerst das Essen oder reiche jemandem aufmerksam eine Tasse Tee. Die Praxis von Ahiṃsā (Gewaltlosigkeit) bedeutet ganz konkret, darauf zu achten, andere weder durch Handlungen noch durch Worte oder Gedanken zu verletzen (Swami Rama, 2025: Die Kunst des freudvollen Lebens, S. 46, 168, 172-173; Swami Rama, 2026: Bhagavad Gītā, S. 150).

4. Täglich innehalten und das innere Gewissen (Buddhi) befragen

Um in herausfordernden Zeiten nicht den Fokus zu verlieren, ist eine tägliche kurze Kontemplation entscheidend. Sich morgens ein paar Minuten Zeit zu nehmen, um über den unschätzbaren Wert des menschlichen Lebens nachzudenken und auf die Stimme des Herzens zu hören, erinnert uns an unser höheres Ziel und gibt den Ton für den Tag vor (Pandit Rajmani Tigunait, 2022: Warum wir kämpfen, S. 31).

Halt auch tagsüber inne, bevor du handelst, und gehe kurz in dich, anstatt impulsiv oder aus unbewussten Gewohnheiten heraus zu reagieren. Das innere Gewissen (Buddhi) weiß bereits genau, was richtig, hilfreich und mit der eigenen Wahrheit vereinbar ist; lerne, dieser inneren Beraterinstanz vor jeder Entscheidung aufmerksam zuzuhören. Indem du deine innere Weisheit und Kraft der Führung gezielt konsultierst, stärkst du deine Willenskraft (Saṅkalpa Śakti), die dir dabei hilft, schädliche Gewohnheiten zu überwinden und deine guten Vorsätze konsequent umzusetzen (Swami Rama, 2025: Die Kunst des freudvollen Lebens, S. 40, 96, 152; Swami Rama, 2026: Bhagavad Gītā, S. 42, 101, 112).

5. Alltagshandlungen in aktive Meditation verwandeln

Wenn du dein ganzes Herz und deine volle Aufmerksamkeit in das investierst, was du gerade tust, wird jede noch so alltägliche Tätigkeit zu einer Form der aktiven Meditation im Handeln (Swami Rama, 2025: Die Kunst des freudvollen Lebens, S. 111–112; Swami Rama, 2026: Bhagavad Gītā, S. 177, 237).

Indem wir handeln, ohne starr an den Ergebnissen oder am persönlichen Gewinn zu klammern, verringern wir die Verengung unserer Wahrnehmung auf das eigene „Ich“ und halten inmitten der täglichen Verpflichtungen beständig ein Bewusstsein für das innere Zentrum aufrecht . So wird unser gesamtes Tun zu einem beständigen, selbstlosen Gebet, welches uns sanft, bescheiden und fokussiert für unsere Mitmenschen da sein lässt und uns unerschütterlichen inneren Frieden schenkt (Pandit Rajmani Tigunait, 2021: Zur elften Stunde: Swami Rama, S. 375; Pandit Rajmani Tigunait, 2022: Warum wir kämpfen, S. 31; Swami Rama, 2025: Die Kunst des freudvollen Lebens, S. 167; Swami Rama, 2026: Bhagavad Gītā, S. 167, 237). Wäre das keine wundervolle Erfahrung?

Ein persönliches Fazit: Warum die Ausrichtung am selbstlosen Dienen gut tut

Für mich persönlich als Verleger all der Bücher von Swamiji und Panditji im Agni Verlag ist diese Reflexion zum selbstlosen Dienen aus Sicht der Himalaya-Tradition eine Erinnerung daran, weshalb ich diese Mission 2018 gestartet habe: Es ging darum, das positive, transformierende Geschenk der Weisheit der Himalaya-Tradition an euch alle weiterfließen zu lassen – auf dass es bei euch genauso positiv, inspirierend und transformierend ankommt, wie es bei mir ankam.

Jahre später ist die Mission immer noch dieselbe, aber ich spüre, wie die Herausforderungen der Zeit an dieser Verlagsmission meines »Ein-Mann-Unternehmens« nagen: Die zurückgehenden Verkaufszahlen durch steigende Lebenshaltungskosten und die allgemeine Verunsicherung, die eng aufeinanderfolgenden Wellen von neuen Gesetzen, die es kleinen Unternehmen wie dem Agni Verlag extrem schwer machen, überhaupt weiter zu bestehen. Doch das Stirnrunzeln in meinem Gesicht und die Schwere im Herzen verschwinden, wenn ich mir all diese Punkte zum selbstlosen Dienen bewusst mache, die uns Swamiji und Panditji letztlich genau durch dasselbe geschenkt haben: ihr unermüdliches selbstloses Dienen am Fluss dieser Weisheit selbst – der ein Dienen an der ganzen Menschheit ist.

Wo und wie hilft dir diese Weisheit in deinen Herausforderungen? Wo und wie kannst du hier und jetzt dienen? Wo und wie kannst du vielleicht deine Handlungen »mit Liebe ölen« und damit in einen selbstlosen Dienst umwandeln?

Lass dich von diesen Fragen inspirieren! Wir alle können etwas dafür tun, dass die Welt nicht nur schwarz-weiß ist.

Herzlichst

Dein Michael

 

Bilder: KI-generiert

Die zum Text zugehörigen Zitatstellen in den angegebenen, verlinkten Büchern wurden mit Hilfe von KI ermittelt.

Lesedauer 8 Minuten

Von Michael Nickel

„Die Welt ist zum verrückt werden!“ – Oder nicht? – Ohne Zweifel leben wir in einer Zeit, in der die Meisten von uns täglich mit mehr Herausforderungen konfrontiert werden, als uns gut tut. Aber sollen wir deswegen wirklich gleich verrückt werden? – Zum Glück muss es soweit nicht kommen. Die Yoga-Philosophie mit ihrer grundlegend konstruktiven Sichtweise auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest bringt es ja in Yoga Sutra 2.16 schön auf Sanskrit zum Ausdruck: „heyam dukham anagatam“ – oder zu gut Deutsch: „Zukünftiges Leid ist vermeidbar“. Und zwar vermeidbar im Sinne von: es muss sich für uns nicht manifestieren. Es heißt jedoch nicht, dass wir den Kopf in den Sand stecken und die Dinge an uns vorbei ziehen lassen oder dass wir vor den Herausforderungen der Welt davonlaufen. Diese Sichtweise auf unsere Handlungsspielräume als Mensch sagt lediglich: wir können die Dinge so tun, dass das Leid ausbleibt.

„Potentielles zukünftiges Leid kann vermieden werden!“

Man könnte nun natürlich einwenden: „Ich hab doch keinen Einfluss auf das große Weltgeschehen, wie soll ich also das Leid vermeiden, das durch Krieg, Hunger, Energiekrise, Inflation, Materialmangel und was noch alles in der Welt entsteht?“ – Na, ist beim Lesen dieser Begriffe der Blutdruck schon hochgegangen? Der Puls schneller geworden? Die Laune in den Keller gegangen? – Sorry, aber da sind wir dann schon wieder beim persönlichen Leid! Doch nicht wegklicken jetzt, es kommt ja besser! Was in Yoga Sutra 2.16 angesprochen wird, hat wirklich Hand und Fuß: wir müssen nicht an potentiellen Dingen leiden, die noch nicht eingetreten sind. Die Yoga-Traditionen geben uns die Werkzeuge dazu in die Hand, um vor Leid geschützt zu sein. Weiterlesen

Lesedauer 10 Minuten

Von Michael Nickel

Am Anfang steht ein Geständnis: Ich bin Schokoholiker. Oder sollte ich heute besser sagen, ich war es? Oder, ich bin ein trockener Schokoholiker? Wer weiß. Was ich jedoch weiß: heute geht es hier im Gedankenfutter um das Loslassen von Gewohnheiten. Um einen spielerischen Selbstversuch, eine tiefsitzende Gewohnheit loszulassen. Mein persönliches Experiment in Nicht-Anhaftung oder in Fachyoginesisch: Prayoga („ein Experiment“) in Anubhava („eine direkte Erfahrung zu erlangen“) zu Vairagya („Nicht-Anhaftung“) durch Svatantra („Selbstständigkeit, eigenes System, Unabhängigkeit“).

Also ein Experiment, um eine direkte Erfahrung von Nicht-Anhaftung zu erreichen, indem ich selbstständig mein eigenes System und meine eigene Herangehensweise wähle. Das Experimentiersystem ist also meine persönliche Beziehung zur Schokolade und die Herangehensweise ist, für einen bestimmten Zeitraum auf Schokolade zu verzichten und zwar zu einem selbst gewählten Zeitpunkt und nicht im Rahmen von gesellschaftlichen oder spirituellen Konventionen. Also keine „Sieben Wochen ohne“, als äußerlich vorgegebene Fastenzeit. Ein solches selbst-verantwortliches Experiment braucht jede Menge Sankalpa Shakti – also die kombinierte Energie von gutem Vorsatz und Umsetzung. Darüber haben wir in den letzten Wochen im Gedankenfutter sinniert.

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