Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der Meditation! Nie zuvor gab es mehr Menschen zur selben Zeit auf dieser Welt, die etwas praktizieren, das »Meditation« genannt wird. Nie zuvor gab es mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit für achtsamkeits- und atembasierte Techniken, welche in die Meditation führen. Nie gab es einen solchen Umfang an biomedizinischen und soziologischen Studien zu den positiven Effekten von Meditation auf das Wohlbefinden und die Gesundheit des einzelnen Menschen, wie auch ganzer sozialer Gruppen. Nie zuvor wurden Meditationstechniken in einer so breiten Weise weltweit in Schulen und Unternehmen eingesetzt, um Schüler und Mitarbeiter ausgeglichener, sozialkompetenter, effizienter, kreativer, freudvoller und zugleich innerlich ruhiger miteinander interagieren zu lassen. Meditation scheint dementsprechend »die Erfolgsgeschichte« des 21. Jahrhunderts zu sein! – Sie ist in aller Munde und dennoch stehen wir erst am Beginn dessen, was an Positivem für unsere Gesellschaft resultieren könnte, wenn immer mehr Menschen meditieren.

Warum wir authentische Hinführungen zur Meditation benötigen

Entsprechend dem breiten gesellschaftlichen Erfolg von Meditation und Achtsamkeit existiert eine nahezu unüberschaubare Anzahl von Ratgebern und Büchern zu diesem Thema. Weshalb also ein weiteres »neues« Buch über Meditation, genauer die Neuausgabe von »Die Praxis der Meditation«? – Eine berechtigte Frage, für die es eine einfache und eine etwas tiefgehendere Antwort gibt.

Zunächst also die einfache Antwort: Weil »Die Praxis der Meditation« gar kein »neues« Meditationsbuch ist, sondern ein Klassiker, der von Swami Rama Anfang der 1990er-Jahre verfasst wurde. Es stammt also aus einer Zeit, in der Meditation noch keine solch breite gesellschaftliche Anerkennung gefunden hatte – genauer gesagt hat dieses Buch mit dazu beigetragen, Meditation aus der Esoterik-Ecke herauszuholen. Denn obwohl Swami Rama direkt der Traditionslinie der Meister des Himalayas entstammt und er die klassischen Techniken der Yoga-Meditation und der Vorbereitung entsprechend des Hatha Yoga unterrichtet, befreit er in diesem Buch die Meditation weitgehend von aller Mystik und macht sie daher für ein breites Publikum zugänglich. Zumal er sich auf sehr einfache authentische Techniken beschränkt – also die Zugänglichkeit gerade für Anfänger so weit wie möglich erhöht. In diesem Sinne ist dieser Klassiker noch immer »hochmodern« und aktuell. Natürlich ersetzt ein Buch keinen persönlichen Unterricht bei einem erfahrenen Meditationslehrer. Doch dies ist vor allem nötig, um in die Tiefe zu gehen. Die ersten Schritte auf dem Weg der Meditation sind einfach genug, um aus einem Buch nachvollzogen werden zu können – vor allem, wenn man ehrlich mit sich und seinen körperlichen Möglichkeiten ist, und den passenden Meditationssitz wählt. Es war noch nie falsch, mit Maitri Asana, also auf dem Stuhl, zu beginnen! Und wenn der Sitz stimmt, kann es schon losgehen …

Die Anfänge der modernen Meditationsforschung

Da Swami Rama bereits in den 1970er-Jahren mit Wissenschaftlern in USA an Meditation und Biofeedback-Techniken geforscht hat, kann er auch als früher Wegbereiter der modernen Meditationsforschung gelten – eine Forschungsrichtung, die sich enorm entwickelt und gewandelt hat, durch immer feinere Techniken, die physiologischen und neurologischen Effekte im Gehirn und dem autonomen Nervensystem direkt darstellbar machen. Inzwischen wurden unzählige gesundheitlichen Vorzüge wissenschaftlich erwiesen – sowohl körperliche als auch psychisch-emotionale. Dies sieht nach einem Erfolg der modernen Naturwissenschaft aus – doch man darf nicht vergessen, dass die meisten Effekte bereits in den alten Traditionen und östlichen Gesundheitswissenschaften, wie Ayurveda, bekannt waren. Besteht also hier nicht die Tendenz, das Rad neu zu erfinden – oder vielleicht neu zu rechtfertigen? Dies bringt uns zum zweiten Punkt, weshalb dieses Buch im 21. Jahrhundert dringend von Nöten ist.

Der Zustand der inneren Stille und die positiven Effekte von Meditation

Ausgehend von den New Age-Strömungen des 20. Jahrhunderts wurde »Meditation« immer beliebter. Neue »Meditationstechniken«, insbesondere in Form von ausgeklügelten Visualisierungen, entstehen seither quasi täglich. Ganz ohne Zweifel haben viele dieser Techniken eine positive Wirkung auf Organismus und Geist. Doch führen sie am Ende wirklich dorthin, wo uns Meditation entsprechend Yoga-Tradition und Buddhismus hinleitet – nämlich in die völlige Ruhe und Stille im eigenen Wesenskern? Ein Zustand, der so unspektakulär, eigenschaftslos und still ist, dass er jenseits aller Worte liegt, und im Buddhismus als śūnyatā – »Die Leere« oder »Das Nichts« – bezeichnet wird, während die Yoga-Traditionen von turīya sprechen – dem vierten Zustand, dem »reine Bewusstsein« jenseits von Wachen, Träumen und Schlafen.
Was seit Jahrhunderten im traditionellen Wissen verankert ist und von der modernen Naturwissenschaft bestätigt wird, ist, dass insbesondere jener Zustand all die positiven Effekte der Meditation auf körperlicher und psychischer Ebene fördert! – Doch leider bringen uns nicht alle »modernen« Meditationstechniken dorthin.

Nicht jede Meditationstechnik bringt dich zum Kern der Stille

Swami Rama bringt auf Seite 118 in »Die Praxis der Meditation« zum Ausdruck, dass Meditation über Atembewusstsein und all die verschiedenen Ebenen des Geistes hinaus gehen muss. Zwar haben alle Techniken eine Wirkung, »doch einige sind vollständig und andere sind unvollständig.«, so Swami Rama. Damit wir alle positiven Aspekte der Meditation auszukosten können, geht es also auf dem Weg nach innen darum, auf keiner Ebene stecken zu bleiben – weder im Körpergefühl, noch im Atem, noch im Geist in Form von Visualisierung, die ihn in seiner Tendenz verankern, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Hier liegt der wesentliche Grund, dieses Buch als Neuübersetzung verfügbar zu machen, die unserem Sprachgebrauch gerecht wird, wie auch der Tradition, dem das Wissen entstammt: Trotz der scheinbaren Einfachheit der grundlegenden, authentischen Techniken, die Swami Rama beschreibt, bieten genau diese den Weg an, Meditation nach und nach vollständig zu erfahren, bis hin zum Zustand völliger Stille und des in sich Ruhens ohne Eigenschaften – ganz gleich, wie man diesen Zustand bezeichnen möchte. Dies gilt für Anfänger der Meditation ebenso wie für Menschen, die schon mit in anderen Meditations-Systemen als der Yoga-Meditation Erfahrungen gesammelt haben, genauso wie für Skeptiker. Da ich selbst von diesen Techniken enorm profitiert habe und direkte Erfahrung der Königsweg zu einem erfüllten Leben ist, habe ich dieses Buch neu übersetzt – für dich! In dem Wunsch und der Hoffnung, dass es dich zu einer direkten Erfahrung dieser positiven Kraft der Meditation einlädt und leitet!

Möge »Die Praxis der Meditation« in Form des Buches und insbesondere in Form deines eigenen stillen in dir Ruhens dich in deinen stillsten inneren Kern führen und dich daraus schöpfen lassen, was Sie für ein freudvolles und erfülltes Leben brauchen!

Dieser Artikel erschien zuerst in abgewandelter Form als Vorwort in »Die Praxis der Meditation«
Das Buch ist erhältlich auf Amazon (inkl. Blick-ins-Buch), im Agni Verlag Webshop und im örtlichen Buchhandel.

Sitzt man morgens oder abends auf den Gipfeln der Berge, kann man sich rundherum an Schönheit laben. Ein spiritueller Mensch versteht dann, in welcher Form solche Ästhetik ein untrennbarer Aspekt des Göttlichen ist, dessen Attribute Satyam, Shivam, und Sundaram sind – Wahrhaftigkeit, Ewig­keit und Anmut. Dies ist das Land der Devas. Im Himalaya sind die Morgen­dämmerung (Usha) und die Abenddämmerung (Sandhya) – wenn Tag und Nacht sich vermählen – nicht nur Momente, die durch die Erd­­rotation er­zeugt werden, sondern sie haben eine zutiefst symbolische Bedeutung.

Morgen, Nachmittag, Abend und Nacht haben jeweils ihre eigentümliche Schön­heit. Keine Sprache ist in der Lage, sie zu beschreiben. Viele Male wechseln die Berge jeden Tag ihre Farben, denn die Sonne steht im Dienste dieser Gipfel. In den Morgenstunden sind sie silbern, zur Mittagszeit sind sie golden und im Abendlicht sehen sie rot aus. Ich habe es wahrgenommen, als kleide meine eigene Mutter sich in vielfarbige Saris, um mich zu erfreuen. Lässt sich solche Anmut in Worte fassen? Dies gelingt nur der Sprache des Herzens, doch deren Vokabular ist für die Lippen nicht aussprechbar.

Ich vermag meinen Lesern nur einen flüchtigen Blick auf jene bezaubernden Berge zu gewähren. Ihre Schönheit ist alles überragend und jenseits jeder Beschreibung. Die Morgenstimmung im Himalaya ist so lautlos und friedvoll, dass sie einen Sucher spontan zur Stille führt. Darum werden die Bewohner des Himalayas zu Meditierenden. Die Natur bestärkte die Schulen der Meditation. Während ich in meiner Höhle lebte, weckte mich Usha, die Morgendämmerung, mit der aufgehenden Sonne in ihren Händen, so als stünde meine Mutter vor mir. Die Sonnenstrahlen drangen sanft durch den Eingang herein. In dieser Klause verbrachten einige Yogis ihr Leben und studierten die Upanischaden zu Füßen des Meisters.

Am Abend, wenn sich das Wetter klärt und die Sonnenscheibe durch die Wolken bricht, scheint ein allmächtiger Maler Millionen von Farbnuancen auf die verschneiten Gipfel auszuschütten. Er erzeugt Gemälde, die niemals durch die Pinsel und Farben in den kleinen Händen der Künstler kopiert werden könnten.

Buchauszug aus „Mein Leben mit den Meistern des Himalayas“ (AV108, Neuübersetzung, Agni Verlag 2018).
Übersetzer: Michael Nickel
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Foto: © Michael Nickel, Santosha Media.

 

Beiträge im Agni-Magazin mit Bezug zum Buch

AV 108 - Swami Rama: Mein Leben mit den Meistern des Himalayas (Agni Verlag)Agni Verlag

Bücher von Swami Rama im Agni Verlag

Die Überquerung eines reißenden Flusses

Buchauszug aus „Mein Leben mit den Meistern des Himalayas“ (AV108, Neuübersetzung, Agni Verlag 2018).

Schüler gibt es viele, doch nur wenige Getreue. Eine Menge Anhänger kamen zu meinem Meister und baten: »Bitte akzeptiert mich als Euren Schüler.« Ein jeder bewies seine Treue, indem sie ihm dienten, spirituelle Lieder sangen, lernten und die mannigfaltigen Disziplinen studierten. Er gab ihnen keine Antwort darauf. Eines Tages, in Süd-Indien, rief er alle zwanzig zu jener Zeit anwesenden Schüler zu sich und forderte: »Lasst uns gehen.« Jedermann folgte ihm zum Ufer des nahen Flusses Tungabhadra. Er war zu einem mäch­tigen Hochwasserstrom angeschwollen, breit und höchst­gefähr­lich. Er sagte: »Wer diesen Fluss überquert, ist mein getreuer Schüler.« Weiterlesen

Buchauszug aus „Die Kunst des freudvollen Lebens“ (AV054, Neuübersetzung, Agni Verlag 2018).

Unter unserem Denkprozess liegt etwas noch Tieferes als die eigentlichen Gedanken – die Macht der Emotionen. In unserem täglichen Leben – im Umgang mit Freunden und Familien, sowohl zu Hause als auch am Arbeitsplatz – erkennen wir manchmal, oder werden darauf hingewiesen, dass wir zu emotional sind, oder gar emotional unausgeglichen. Geschieht dies, dann liegt es daran, dass wir unser Gefühlsleben nicht richtig verstanden oder organisiert haben. Weiterlesen

Buchauszug aus „Mein Leben mit den Meistern des Himalayas“ (AV108, Neuübersetzung, Agni Verlag 2018).

Selbstlosigkeit ist eines der herausragenden Zeichen eines spirituellen Mannes. Wenn diese Qualität im Charakter eines Menschen fehlt, der angeblich eine spirituelle Person ist, dann ist er das nicht wirklich. Es gab einen bekannten Meister, Neem Karoli Baba, der mir segensreich war, als ich noch ziemlich jung war. Er lebte in Nainital, einem der Berg-Resorts im Himalaya. Er war ein Mann, »der halb hier, halb dort lebte«. Wenn jemand zu ihm kam, pflegte er zu sagen: »Also, jetzt habe ich dich gesehen und du hast mich gesehen, ja, ja, ja, ja, …«, was bedeutete »geh, geh, geh, geh, …«. Das war seine Gewohnheit. Weiterlesen