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Frage: Warum ist Einsamkeit so schmerzhaft? Und was können wir tun, um unser Gefühl der Einsamkeit zu überwinden?

Pandit Rajmani Tigunait: Wir sind nie wirklich allein, und doch erleben wir Einsamkeit. Mit der Essenz des Lebens zu sein ist unsere wesentliche Natur. Es ist für uns alle angeboren, mit dem göttlichen Wesen – unserem inneren Wesen – zu jeder Zeit zusammen zu sein. Aber irgendwo auf der Strecke haben wir dieses Gefühl der Einheit verloren. Das hat zur Folge, dass wir unter einem Gefühl der Trennung leiden. Deshalb erleben wir Einsamkeit. Wir wissen auf irgendeiner Ebene, dass wir uns von der Essenz des Lebens entfernt haben. Diese Erkenntnis, dass eine Mauer zwischen mich und die Essenz des Lebens gekommen ist, die untrennbar mit mir verbunden ist, bedeutet, dass die Dualität in meinem Atman eingedrungen ist. Das schmerzt sehr. Jetzt wissen wir nicht, wie wir die Essenz wieder umarmen und ewig bei ihr bleiben sollen. So versuchen wir, dieses Gefühl der Einsamkeit zu bewältigen, indem wir uns an unsere Mutter, Vater, Ehepartner, Kinder, Geld, Reichtum, Namen und Ruhm binden. Wir versuchen, ein Glücksgefühl zu finden, indem wir etwas oder jemanden haben. All dies sind Symptome unserer Einsamkeit, die durch unsere Trennung vom göttlichen Wesen verursacht wird.

Unsere essentielle Natur ist es, selig zu sein, aber unser Geist neigt dazu, unglücklich zu sein. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir nicht allein sind. Der Verstand ist eigentlich ein Schatten von Atman, und wir sind eher vom Schatten als von der Realität abhängig geworden. Die dem Verstand innewohnende Natur soll nicht unglücklich sein. Die Natur des Verstandes soll neugierig sein. Unser Verstand versucht, das Verlorene wieder einzufangen. Er versucht herauszufinden, was gut ist und was nicht, wo man die Quelle der Freude und des Glücks findet und wie man die Essenz des Lebens findet. Unser Verstand läuft also ständig von einem Objekt zum anderen auf der Suche nach dieser ewigen Freude. Die Absicht ist richtig, nur die Richtung ist falsch. Der Verstand versucht, diese Freude in der Außenwelt zu finden. Er hat nicht herausgefunden, dass er diese ewige Freude irgendwo in der inneren Welt finden muss, die der Wohnsitz der Essenz des Lebens ist. Der Verstand ist das effizienteste Werkzeug, das die Natur uns gegeben hat, um uns selbst zu suchen und zu finden – aber er braucht Training.

Auf der intellektuellen Ebene wissen wir, dass wir, wenn wir unsere wahre Natur erkennen, Glückseligkeit erfahren werden, aber in unserer täglichen Praxis ist es schwer zu glauben. Denn unser Glaube an die Außenwelt ist so fest geworden, dass wir keinen festen Glauben an die innere Wirklichkeit haben können. Wir sind überzeugt, dass die Welt da draußen die einzige Realität ist und dass wir ohne sie nicht leben können. Mit anderen Worten, unsere Überzeugung vom Unwirklichen (was wir für real halten) ist so fest geworden, dass unsere Überzeugung vom Realen (was wir für unwirklich halten) schwach geworden ist.

Ein weiteres Problem ist, dass wir ständig von Lehrern hören und in Büchern lesen, dass die Wahrheit, oder Gott, schwer zu erreichen ist. Wohin wir auch gehen, wir hören, dass wir unglücklich, nutzlos und schwach sind. Dies zerstört unsere Sankalpa Shakti (Willenskraft und Selbstbestimmung). Es ist, als ob Gott, oder die Wahrheit, irgendwo ist, wo wir nicht hingelangen können. Jeder sagt uns, wie schwierig es ist, die Probleme des Geistes zu überwinden. Aber warum sollte das so sein? Mein Meister hat mir nie gesagt, dass es schwer ist, Gott oder eine höhere Realität zu finden. Vielmehr sagte er immer: „Nur für Lahmärsche ist Samadhi schwer zu erreichen. Sonst reichen drei Monate, um das höchste Ziel des Lebens zu erreichen.“ Das bedeutet, dass wir noch langsamer sind als die Trödler!

Wir bleiben einsam, ängstlich und isoliert, weil wir überzeugt sind, dass es schwer ist, den höchsten Zustand zu erreichen und das Göttliche zu finden. Unsere eigene Überzeugung ist zum Hindernis geworden. Diese selbstzerstörerische Haltung bedeutet, dass wir uns bereits entschieden haben, das Göttliche in diesem Leben nicht zu finden. Das stärkt unser Gefühl der Isolation und Einsamkeit. Aber es gibt einen anderen Weg, und wir können uns jederzeit dafür entscheiden. Es ist einfach: Zerstöre die Mauer der Dualität zwischen dir und dem Göttlichen. Wenn wir erkennen, dass wir von nichts und niemandem getrennt sind, erleben wir keine Einsamkeit mehr. Wenn wir erkennen, dass wir von nichts und niemand anderem abhängig sind, um uns Glück zu geben, verschwindet die Einsamkeit und die reine Freude bleibt. Das nennt man das Erkennen unserer essentiellen Natur.

Quelle: Frage & Antwort-Sitzung mit Pandit Rajmani Tigunait während eines Satsangs in Kedarnath, Indien, 1997

Dieser Artikel erschien zuerst im Amrit Blog in der Wisdom Library des Himalayan Institutes, USA.

Transcending Loneliness to Find Joy © 2016 Himalayan Institute, Honesdale, PA, USA.
Deutsche Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Himalayan Institutes.

Übersetzung: Michael Nickel

Foto: © Maxim Smith / Unsplash CC0

Pandit Rajmani Tigunait

Pandit Rajmani Tigunait

Pandit Tigunait, der spirituelle Leiter des Himalayan Institutes (USA), ist der Nachfolger von Swami Rama aus dem Himalaya. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert lehrt und unterrichtet er weltweit und ist Autor von mehr als 15 Büchern, darunter seine kürzlich erschienenen "The Secret of the Yoga Sutra" ("Das Geheimnis des Yoga Sutra" im Frühjahr 2019 auf deutsch bei Angi Verlag) "The Practice of the Yoga Sutra" und seine Autobiographie "Touched by Fire: The Ongoing Journey of a Spiritual Seeker". Pandit Tigunait hat zwei Doktortitel: einen in Sanskrit von der University of Allahabad in Indien und einen in Oriental Studies von der University of Pennsylvania in USA. Die Familientradition gab Pandit Tigunait Zugang zu einer großen Bandbreite spiritueller Weisheit, die sowohl in den schriftlichen als auch in den mündlichen Traditionen bewahrt wurde. Bevor er seinen Meister traf, studierte Pandit Tigunait Sanskrit, die Sprache der alten Schriften Indiens, sowie die Sprachen der buddhistischen, Jaina und zoroastrischen Traditionen. 1976 ordinierte Swami Rama Pandit Tigunait in die 5.000 Jahre alte Linie der Himalaya-Meister.

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