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In der Yoga-Welt erlebe ich oft zwei Extreme. Nehme ich das Wort „Spiritualität“ in den Mund, beginnen bei fast der Hälfte die Augen zu glänzen und bei der beinahe anderen Hälfte gehen die Mundwinkel nach unten. Und dann gibt es noch einen kleinen Rest, die einfach nur aufmerksam neutral zuhören. Man könnte meinen, das heißt, dass die erste Gruppe diejenigen umfasst, die „spirituell sind“, die zweite diejenigen, die „nicht spirituell sind“ und die dritte, diejenigen, die sich äußerlich nicht anmerken lassen, in welche Gruppe sie gehören. Doch so einfach ist es nicht. Denn jeder Mensch tickt „spirituell“, ob wir es wollen oder nicht. – Du glaubst es nicht?

Was ist Spiritualität?

Die Kernfrage lautet: Was ist Spiritualität? Wikipedia führt uns auf die richtige Spur. Die Definition dort lautet:

„Spiritualität (von lat. spiritus ,Geist, Hauch‘ bzw. spiro ,ich atme‘ – wie altgriechisch ψύχω bzw. ψυχή, siehe Psyche) bedeutet im weitesten Sinne „Geistigkeit“ und bezeichnet eine auf Geistiges aller Art oder im engeren Sinn auf Geistliches in spezifisch religiösem Sinn ausgerichtete Haltung.“ (Eintrag Spiritualität bei Wikipedia, Abfrage am 5.12.2017)

Wichtig ist der letzte Halbsatz, denn wenn wir heute das Wort Spiritualität in den Mund nehmen, denk beinahe jeder, egal ob in der Yoga-Szene oder außerhalb, sofort an religiöse Themen. Doch das trifft es eben nicht. Man könnte nun natürlich argumentieren, dass alles, was die Psyche umfasst „Spiritualität“ ist, doch auch das wäre wiederum nicht hilfreich, um das Wort sinnfüllend zu benutzen.

Eine etwas umfassendere Sicht

Eine für mich stimmige Definition von Spiritualität kommt von Rod Stryker: „Spiritualität fängt dort an, wo das Ego aufhört“. Oder in anderen Worten, wie ich mich in der Beziehung sehe zu allem, was jenseits des Egos und der Rationalität liegt, umfasst spirituelle Themen.

Natürlich reiben sich die Atheisten und Agnostiker an dieser Stelle die Hände und argumentieren: „Sag ich doch, dass ich nicht spirituell bin, schließlich bin ich rationell!“ – Die Sache ist aber die: kein Mensch ist zu 100% rationell. Egal, wie aufgeklärt im Sinne von Kant wir uns fühlen, wir tragen von Kindesbein an irrationale Weltsichten und Glaubenssätze in uns. Der Glaubenssatz „Ich bin nicht gut genug für … [you name it!]“ ist ein Beispiel für ein schlummerndes spirituelles Thema. Es trägt nichts anderes in sich als unsere eigene Sicht auf uns selbst im Zusammenhang mit großen äußeren Welt.

Die Angst vor Naturkatastrophen oder Verbrechen ist ein weiteres Beispiel. Natürlich kann man in all diesen Beispielen aus der Perspektive unserer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts argumentieren, dass sich das durch psychotherapeutische Maßnahmen lösen lässt. Doch halten wir einen Moment inne – all die angesprochenen Beispiele konfrontieren uns letztlich mit der Frage „Wer oder was bin ich?“ und zugleich mit der Vergänglichkeit und der Möglichkeit der völligen Auslöschung des Egos mit dem Tod oder anders ausgedrückt, die Vernichtung des Egos durch etwas größeres, äußeres. Sobald etwas auf dieses Thema zurückgeht, sind wir damit in einem Bereich jenseits dessen „wo das Ego aufhört“, womit das Thema nach der obigen Definition spirituell ist. Dadurch wird es aber noch lange nicht religiös! Das sollte man sich an dieser Stelle ganz klar noch einmal zur Reflektion bewusstmachen.

Das betrifft auch Dich – weil es Schmerz gibt!

„Das betrifft mich nicht!“ höre ich jetzt immer noch einen weiteren Einwand. – „Doch!“ sage ich, denn selbst wenn Du noch nie eine größere Schmerz-Episode in Deinem Leben hattest, egal ob körperlich oder psychisch, wirst Du mit über 95% Wahrscheinlichkeit, in Deinem Leben mit einer solchen Episode konfrontiert werden. Und Schmerz – das weiß jeder zu berichten, der damit zu tun hatte – bringt uns die Möglichkeit der Vernichtung unseres Egos, wie wir es kennen und lieben, allzu deutlich vor Augen. Schmerz-Themen sind also immer auch spirituelle Themen.

Das ist nebenbei bemerkt keine persönliche Ansicht von mir, sondern eine Erfahrung und Lehrmeinung des Ayurveda: demnach hat jede „Krankheit“ ihren körperlichen Aspekt, ihren mentalen Aspekt und ihren spirituellen Aspekt – weil nahezu jede Krankheit und jeder irgendwie geartete Schmerz eine Herausforderung unserer Selbstwahrnehmung, unseres Egos, darstellen.

Die Yoga Sutras nennen die Ursache dessen deutlich beim Namen: Abhinivesha. „svarasavāhī viduṣo ‚pi tathārūḍho’bhiniveśaḥ“ (Yoga Sutra 2.9) oder zu Deutsch „Die Furcht vor dem Tode trägt in sich ihre eigene Essenz und treibt selbst (das Bewusstsein) der Weisen um“ (übersetzt aus dem Englischen nach Pandit Rajmani Tigunait, The Practice oft the Yoga Sutra – Sadhana Pada, HI Press, 2017; Übersetzung bei Agni Verlag im Frühjahr 2019).
Was heißt das praktisch für uns? – Jeder Mensch hat mit diesem Thema zu tun! Auch diejenigen, die von sich behaupten, keine Angst vor dem Tod zu haben. Bei jeder Krankheit, die uns beunruhigt und bei jeder Angst, die auch nur im kleinsten hochkommt, steckt Abhinivesha dahinter.

Gelassenheit bringt uns weiter

Wir alle können also beim Thema „Spiritualität“ gelassener werden, indem wir sehen, dass sich unter diesem Begriff im Besten Sinne Themen vereinen, die damit zu tun haben, wie wir unsere Angst vor der Vernichtung unserer Person, unseres Selbstbildes, unseres Egos mindern können und vielleicht sogar ganz loswerden. Man muss diese Themen weder besonders sentimental betrachten, noch mit innerer Ablehnung. Wenn wir anerkennen, dass jedes Thema, dass uns emotional zu tiefst herausfordert, eine Ebene steckt, bei der es um das Wechselspiel unseres Egos mit etwas geht, das vermeintlich bedrohliches, weil unkontrollierbares, Größeres geht, wird jedes dieser Themen zu einer Chance, uns mit unserer Weltsicht auseinanderzusetzen. An unserer Weltsicht können wir arbeiten. Eine positive Weltsicht kann man entwickeln. Jeder auf seine persönliche Weise. Der eine unter Zuhilfenahme religiöser Lehren und Praktiken, der andere Bezug auf Philosophie, der dritte durch ein Übungssystem wie Yoga oder Tai Chi.

Anzuerkennen, dass wir alle mit diesem Thema „jenseits des Egos“ konfrontiert sind, lässt dann auch den unvoreingenommenen Blick zu darauf, wie andere Weltanschauungen, Religionen und praktische und theoretische Philosophien mit dem Thema umgehen und was wir daraus lernen können. Das ermöglicht uns, die für uns passenden Strategien zu erkunden, die Welt und unsere Beziehung zu ihr in einer Weise zu sehen, dass sich unsere konkreten und unkonkreten Ängste verringern. – Und zwar ohne, dass wir uns unbedingt in eine Glaubensgemeinschaft hineinziehen lassen müssen.

Das ist im übrigen die Grundlage davon, sich selbst zu ändern und nicht stehen zu bleiben – zumindest macht es das leichter. Du entscheidest, ob Du es Dir leichter oder schwerer machst, Dich zu ändern!

 

Dieser Text erschien zuerst auf dem „Gedankenfutter“-Blog von Dr. Michael Nickel

 

Foto: © Joshua Earle / Unsplash CC0

Übersetzt von Michael Nickel im Agni Verlag

Michael Nickel

Michael Nickel

Dr. Michael Nickel ist Entrepreneur, Autor, Verleger, Naturwissenschaftler, Berater, sowie Yoga- und Meditationslehrer. Wenn er nicht gerade die Wunder der Welt erkundet, lebt und wirkt er in Stuttgart. Sein Interesse gilt der Kunst des guten und freudvollen Lebens und allem, was damit zusammen hängt.