In allen spirituellen Traditionen wird dieser Tag als besonders heilig angesehen. Denn an diesem Tag wird den Schülern bewusst, dass man das Leben nicht nur in der äußeren Welt leben sollte – vielmehr gibt es etwas Höheres, Tieferes, als das, was man bisher getan hat. Ihnen werden ihre inneren Zustände bewusst. Aber um dieses Etwas zu finden, braucht man einen spirituellen Führer oder Meister. Dann wird es einfach. Dein Meister teilt seine Erfahrungen, die ihm von seinem Meister vermittelt wurden. So existiert eine lange Kette von Weisen und Traditionen, und diese vermitteln ihr Wissen liebevoll und selbstlos an ihre Schüler.

Selbst wenn ich überall Dunkelheit sehe, so strahlt doch aus einer Ecke Licht

Für mich ist heute ein großer Tag. Wenn dieser Tag kommt, erinnere ich mich daran, wie mein Meister sich um mich gekümmert hat. Er war so liebevoll. Selbst wenn ich überall Dunkelheit sehe, in allen Beziehungen in der Welt, so strahlt doch aus einer Ecke Licht. Ich nenne es das Licht des Gurus. Wenn du einen echten Guru findest, kann er dir seine Unterstützung geben. Er kann sein ganzes Leben für dich opfern, wenn diese Zeit kommt. Er wird für dich beten. Er möchte niemals, dass seine Schüler leiden.

Wenn du bereit bist, erscheint der Guru

Doch bedenke, dass das Leiden von innen kommt, und wenn du nach Hilfe rufst, wird dir geholfen. Oft kommt Hilfe von der unsichtbaren Welt, und du siehst sie nicht. Dennoch wird dir geholfen, wenn dir niemand helfen kann und du sagst: “Gott hilf mir! Wenn du einen Guru oder Lehrer hast, und er völlig aufrichtig ist und zugleich mit der Tradition in Verbindung steht, dann kann jemand aus dieser Tradition erscheinen und dir helfen, vorausgesetzt, du bist auf dem Weg. Es wird gesagt: “Wenn du bereit bist, erscheint der Guru” – es wird nie gesagt: “Wenn du nicht bereit bist, erscheint der Guru”. Wenn du den brennenden Wunsch hast, Erleuchtung zu erlangen, erhältst du auf jeden Fall Führung.

Auf dem Pfad der Spiritualität ist man nie einsam. Das, was dich einsam macht, ist die Welt und ihre äußeren Beziehungen. Auf dem Pfad der Spiritualität bist du ganz “allein”, das heißt “all-in einem”, doch du bist nicht einsam. Und wenn du die Höhen erreichst, kommt eine Zeit, in der du ganz allein bist – denn alle Gipfel sind einsam. Aber das ist nicht die Art von Einsamkeit, die du in der Welt findest. Diese Einsamkeit ist erfüllend. Du fühlst dich nicht allein. Du fühlst dich eins mit der Absoluten Realität.

Der einfachste und sicherste Weg ist der der Selbsthingabe

Du kannst dies erreichen. Nicht, indem du dich sorgst, nicht, indem du deinen Verstand anstrengst, nicht durch körperliche Übungen, sondern einfach, indem du dein Herz und deinen Verstand reinigst. Der einfachste und sicherste Weg ist der der Selbsthingabe. Du gibst dich keiner äußeren Kraft hin. Nein. Du übergibst dein Ego dem Atman in dir. Und dann fließt eine Quelle des Wissens. Dann kommst du in Kontakt mit jenem Glück, das selbst existierend und unendlich ist, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Also erinnert dieser Tag, Guru Purnima, alle Schüler daran, dass das bloße Leben in der äußeren Welt nicht erfüllend ist. Der Zweck des Lebens sollte auch erreicht werden. Man muss bestimmte Pflichten erfüllen – das ist ein Muss. Aber alle Pflichten sollten euch zur Erkenntnis führen: “Gott existiert in mir. Ich bin ein Schrein des Herrn. Warum bin ich ängstlich? Woher kommt diese Angst?” Wenn du dich daran erinnerst, dass du ein Schrein des Herrn bist, wirst du dich niemals fürchten. Wenn dich Ängste überkommen, so bedeutet dies, dass du vergessen hast. Gott sorgt für dich, vorausgesetzt, du hast dieses Vertrauen.

Du entwickelst langsam dieses Vertrauen. Doch bedenke: Gott ist barmherzig, aber gleichzeitig ist er auch ein grausames Feuer. Man muss beide Aspekte verstehen. Man muss das Leben akzeptieren, wie es ist, und es genießen. Verschiebe die Freuden nicht auf morgen. Erfreue dich heute – genau jetzt! Lächle. Lächle und verstehe: “Der Herr ist in mir. Warum mache ich mir Sorgen?” Mache auf diese Weise dein Leben einfach.

Gott existiert in mir. Warum bin ich ängstlich? Woher kommt diese Angst?

Guru Purnima erinnert uns daran, dass wir auf diese Erde gekommen sind, um vervollständigt zu werden, um Vollkommenheit zu erlangen. Und du kannst diese erreichen. Benutze all deine Kraft, alle menschliche Anstrengung. Dies wird die aufsteigende Kraft genannt. Dann kommst du mit der herabsteigenden Kraft in Berührung, welche die Gnade Gottes ist. In dem Moment, in dem man seine Arbeit getan hat, wird man die Gnade finden. Erfüllt also eure Pflichten mit Geschick. Übergebt Ihm alle Früchte. Bevor ihr zu Bett geht, sagt: “O Herr, alles Gute, das ich getan habe, übergebe ich dir. Hilf mir, führe mich.” Auf diese Weise entwickelt sich Bewusstsein. Man wird sich dann der Realität in einem selbst beständig bewusst.

So ist heute ein Tag, an dem ich mich – an dem sich jeder – an seinen Lehrer, seine Lehren erinnert und sich der Wirklichkeit in seinem Inneren bewusst wird. Dieser Tag macht euch bewusst, dass ihr den Weg treu, loyal und ehrlich beschreiten müsst, damit ihr eure Reise glücklich abschließen könnt. Dieser Tag wird Guru-Purnima-Tag genannt.

Aus einem Satsang anlässlich Guru Purnima 1987

Guru-Purnima-Daten: 2021 am Samstag, 24. Juli | 2022 am Mittwoch, 13. Juli | 2023 am Montag, 3. Juli | 2024 am Sonntag, 21. Juli

Swami Rama

Swami Rama

Swami Rama (1925-1996) ist einer der großen Weisen, Lehrer, Autoren und Humanisten des 20. Jahrhunderts, sowie der Gründer des Himalayan Institutes (USA) und des Himalayan Institute Hospital Trusts (Indien). Geboren in Nordindien, wurde er von frühester Kindheit an von Bengali Baba, einem Meister aus dem Himalaya, aufgezogen. Unter der Leitung seines Meisters reiste er von Kloster zu Kloster und studierte bei einer Vielzahl von Heiligen und Weisen im Himalaya, einschließlich seines Großmeisters, der in einer abgelegenen Region Tibets lebte. Zusätzlich zu diesem intensiven spirituellen Training erhielt Swami Rama eine höhere Ausbildung in Indien und Europa. Von 1949 bis 1952 hatte er die angesehene Position des Shankaracharya von Karvirpitham in Südindien inne. Danach kehrte er zu seinem Meister zurück, um sich in seinem Höhlenkloster weiterzubilden, und schließlich kam er 1969 in die Vereinigten Staaten, wo er das Himalayan Institute gründete. Sein bekanntestes Werk, Mein Leben mit den Meistern des Himalayas, enthüllt die vielen Facetten dieses einzigartigen Adepten und zeigt seine Verkörperung der lebendigen Tradition des Ostens.